Meine Violine

Es gibt einen uralten armenischen R. Guldager PortraitBrauch "Argachatik", der die Bestimmung des zukunftigen Berufes eines Kindes, wenn es gerade seinen ersten Milchzahn bekommt, voraussagen soll. Auf den mit einem Teppich bedeckten Tisch werden verschiedene Gegenstände des alltäglichen Lebens aufgebaut: angefangen bei Löffeln, Nageln bis hin zu Notenheften und Schmuck etc. Jeder Gegenstand symbolisiert einen Beruf. Man setzt das Kind mitten auf den Tisch und bestreut seinen Kopf mit verschiedenen Süßigkeiten, Rosinen, Beeren, Nussen. Das soll Glück und Wohlstand bringen. Dann wird beobachtet, nach welchem Gegenstand das ahnungslose Kind als Erstes greift. Meine ganze Verwandtschaft, Großmutter, Onkel, Tante, Mutter und der Vater (auf einer Dienstreise in Moskau) waren angenehm überrascht, als ich mit der linken Hand nach einem Notenheft und mit der rechten nach Malpinseln griff.

Meinen ersten Violineunterricht erteilte mir natürlich mein Großvater Aschot. Er inspirierte mich durch seine Erzählungen und Geschichten uber seine große Violine und seinen großen Bogen, die im Futteral weit oben auf dem Schrank in meinem Zimmer ruhten und darauf nur warteten, von mir gespielt zu werden, wenn ich fleißig und viel üben wurde. Von seinen Geschichten beeinflusst, schnitzte ich sogar eine kleine Violine und einen Bogen aus Holz und bemalte sie so schön ich nur konnte. Und so fing auch schon mit 3-4 Jahren mein erster "Unterricht"an

Es gibt auch einen Geschichte über einen Bogen, den der Großvater sehr schätzte. Noch als Student kaufte er zu Zarenzeiten den Bogen für 2 Goldrubel. Das war damals sehr viel Geld. Viele Violinisten wollten ihm den Bogen abkaufen, auch der berühmte Jean Ter-Merkerian, aber der Großvater blieb hart, obwohl ich noch nicht geboren war. Es gibt eben Gegenstände, die man nicht verkaufe kann, weil sie Geschichte haben und mit besonderen Erinnerungen für einen Menschen verbunden sind. Man kann sie nicht durch Geld ersetzen, selbst dann, wenn es nichts zum Essen gibt.

ViolinAnscheinend wartete der Bogen auf seine neue Besitzerin. Ich spürte die Freiheit und die Leichtigkeit des Strichs, als ich schon mit dem großen Bogen für Erwachsene spielen konnte. Das war wie ein neuer Atem! Diesen Bogen habe ich bis heute immer bei mir in dem Violinefutteral, wenn ich auf Reisen bin. Genauso begleitet mich immer und überall der Geist meines Großvaters.

Eine meiner ersten Schallplatten mit Violinemusik war das Geschenk meiner Mutter, ein Mendelssohnkonzert, gespielt von Jascha Heifetz. Ich liebte Musik und Märchen, die auf Schallplatten aufgenommen waren, konnte stundenlang sitzen und zuhören, ohne auf  "die Einladung" zum Essen zu reagieren. Ich glaube, diese Heifitz-Platte spielte eine entscheidende Rolle in meinem musikalischen Schicksal, da ich sie mir fast jeden Tag angehört hatte!

Eine sehr große Rolle auf meinem musikalischen Weg spielte die Großmutter Susanna. Wir waren wie zwei engste Freundinnen füreinander, die sich ohne Worte verstanden haben. Es hängt weder vom Alter, noch von Verwandtschaftsverhaltnissen ab. So wie sie zu mir sagte: "Du sitzt in meinem Herzen!", sagte ich es auch zu ihr.

Im Sommer 1991 kam ich wieder nach Eriwan und lernte durch Bemühungen der Großmutter Loris Tscheknavorian kennen. Wir vereinbarten für den kommenden Herbst einen Termin zum Vorspielen. Ich spielte das 2. Konzert von S. Prokofjew. Loris war von meiner Aufführung fasziniert, lobte mich mit viel Freude und Begeisterung. Ich werde seine Worte nie vergessen: "Egal, wo du spielst, wo dich das Schicksal hinführt, vergiss nie, wo deine Wurzeln sind - in Armenien!"

Das Konzert wurde im Fernsehen übertragen, sogar für das Radio aufgenommen und teilweise auch übertragen. Ich kann mich noch erinnern, wie ich selbst überrascht war, als ich mein eigenes Spielen hörte. Ich hatte nie geglaubt, dass ich schon "SO" spielen kann. Die Großmutter saß an unserem Kuchentisch und hörte schweigend meinem Spielen zu. Aus ihren Augen liefen Tränen. Ich kann mir gut vorstellen, wie groß ihre Freude gewesen wäre, dann meine CD zu hören. Meine zweite "armenische" CD ist ihr gewidmet. Es scheint mir, als wurde sie diese Musik mithören. Und der Großvater hört sie auch mit und freut sich darüber. Damals wusste er ja schon, seine Enkelin wird Violine spielen.



 

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